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Coverstory Concertino Dezember 2006 Ausgabe 4/2006
Zart, zornig, zauberhaft

Zwischen „Ave verum“ und Königin der Nacht: 
Mozart-Spitzen, hitverdächtig arrangiert für Mandoline und Gitarre von Detlef Tewes und Boris Björn Bagger.

reinhören hier: Mozart world premiere recordings 

für Mandoline und Gitarre


Im Reich der Mitte heißt er „Mozhate“, und er ist dort bekannter als Chinas Staatspräsident. Überhaupt: Auf der Weltliste der bekanntesten Begriffe liegt Wolfgang Amadeus Mozart auf Platz zwei – hinter Coca-Cola und vor Jesus Christus. Das haben findige Journalisten recherchiert. Sie haben auch errechnet, dass sich der große Jubilar des Jahres ganz Österreich kaufen könnte, würde er die Tantiemen für all seine Musik beziehen, die heute gespielt wird. Wüsste er das, würde er sich die Augen reiben, denn in seinem Todesjahr war der Komponist so klamm, dass er seiner Witwe nur 2858 Gulden Schulden hinterließ.

Selbst die Stars der leichten Muse dürften vor Neid erblassen angesichts des unsterblichen Erfolgs, den der vor 250 Jahren geborene Wolfgang Amadeus Mozart noch heute erzielt. 17 Prozent der verkauften Klassik, berichtete kürzlich der „Stern“, besteht aus Musik von Mozart, womit er weit vor Beethoven und Schubert liegt. Wohl erst in einigen hundert Jahren lässt sich überprüfen, ob Fließbandproduzenten des Musicals wie Andrew Lloyd Webber zu gleichen Traumquoten imstande sind: Die „Zauberflöte“ ist noch immer die mit Abstand am meisten aufgeführte Oper. Von Mozart-Spitzenplätzen können flüchtige Kassenschlager der Unterhaltungsbranche heute nur träumen.

Mozart, der geniale Musensohn und verwöhnte Götterliebling: Mag auch der unsterbliche Ruhm des größten Komponisten aller Zeiten solche Klischees nähren, so hatte doch die Wirklichkeit seines Lebens mit derart verklärten Superlativen kaum etwas zu tun. Lediglich in einem, allerdings entscheidenden Punkt seiner Selbstreflexion entsprach Mozart, ansonsten ein Mann von durchaus widersprüchlichem Verhalten, vollkommen der Realität: im Glauben an die Vollkommenheit der eigenen Kreativität. An ihr – darauf weist der amerikanische Mozart-Spezialist Howard C. Robbins Landon hin – zweifelte er keinen Augenblick. Dass eine eigene Partitur keine Gnade vor ihm gefunden und er sie, wie etwa Tschaikowsky, kurzerhand vernichtet hätte, wäre ihm niemals in den Sinn gekommen.

Ansonsten entspricht die Biographie des (an Körpergröße) kleinen, leicht verletzbaren, von Blatternarben gezeichneten, in Fragen der ökonomischen Lebensplanung durchaus ungeschickten, mitunter zerstreuten und kindisch-vergnügten Compositeurs kaum dem Werdegang jenes Glückskinds, das die bewundernde Nachwelt immer wieder gerne gezeichnet hat. Anfangs als Wunderkind in ganz Europa gepriesen, von Österreichs Kaiserfamilie verniedlicht und verhätschelt, ließ die ungetrübte Bewunderung beim allgemeinen Publikum später nach. Das lag einerseits an der unvergleichlichen Erlesenheit seiner Werke, die den Horizont des durchschnittlichen Musikverständnisses jener Epoche bei weitem überragte. So hielten törichte Zeitgenossen harmonische Details des „Dissonanzenquartetts“ schlichtweg für Fehler ihres Urhebers, weil Sie die raffinierte Struktur der Komposition nicht erkannten. Andererseits führten auch die mangelhafte Geschäftstüchtigkeit des Meisters und auch der mitunter fehlende Instinkt im Umgang mit anderen Musikern, insbesondere der komponierenden Konkurrenz, zu Mozarts pekuniärem Ungemach. Dem viel gewiefteren Vater, der die Schliche und Kniffe auf der Karriereleiter des Künstlers kannte, standen oft die Haare zu Berge, wenn er vom Verhalten des Sohnes in der Fremde hörte. So berichtete Freiherr von Grimm aus Paris an Leopold Mozart über Wolfgang: „Er ist zu treuherzig, wenig tatkräftig, allzu leicht zu täuschen, zu unbewandert in den Mitteln, die zum Erfolg führen könnten. Um hier durchzudringen, muss man schlau sein, unternehmungslustig, wagemutig. Ich wünsche ihm für sein Schicksal halb soviel Talent, aber dafür doppelt soviel Gewandtheit, und ich wäre nicht besorgt um ihn“.
In krassem Gegensatz dazu bewegte sich Mozarts musikalisches Genie stets auf sichersten Gleisen, selbst in kritischen Lebensphasen. Während Gattin Konstanze im Nebenraum in heftigen Wehen lag, komponierte ihr Mann die schönsten Quartette. Für Goethe war er schlicht ein „Wunder, das nicht weiter zu erklären ist“. Und Richard Wagner soll einmal bekannt haben: „Ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven“. 
Zu Mozarts musikalischen Hausgöttern zählten, nachdem ihm der musikalisch hoch gebildete Baron Gottfried van Swieten sie in häuslichen Akademien vermittelt hatte, auch Bach und Händel, damals bereits anachronistische Erscheinungen im aktuellen Musikbetrieb, für den Barock und Kontrapunkt schon zum längst Überholten gehörten. 
Die Früchte dieser Erfahrung, die in gängigen Mozart-Lebensbildern eher marginal behandelt werden, führen über kirchenmusikalische Meisterwerke wie die c-moll-Messe oder das Requiem hinaus, in denen Mozart jenen „stile antico“ barocker Polyphonie faszinierend aufgegriffen hat, zu einem anderen interessanten Thema: Mozart und das Arrangement.

Die Liste der Bearbeitungen in Mozarts Werkkatalog ist zwar nicht überlang, enthält aber immerhin einige Fugen aus Bachs Wohltemperiertem Klavier in Fassungen für Streichquartett, ferner Händels „Messias“, „Alexanderfest“, „Acis und Galathea“ sowie dessen „Ode auf St. Caecilia“, die Mozart auf Anregung des genannten Barons arrangierte. Während sich Mozarts Zutaten hier vor allem auf begrenzte Modifikationen der Klangfarbe, etwa durch zusätzliche Klarinetten, beziehen, bedeutet die Transkription der „Entführung aus dem Serail“ für die so genannte Harmoniemusik, also eine Bläserformation, als gründliche Umarbeitung durchaus eine Rarität im Werk Mozarts.

Spannender ist das Thema Arrangement freilich, sucht man nach Bearbeitungen von Werken Mozarts aus fremder Feder, wobei der Anlass dieser Betrachtung vor allem das überaus gelungene Experiment des Zupfduos Boris Björn Bagger (Gitarre) und Detlef Tewes (Mandoline) darstellt, die in ihrer kühnen Auswahl die Gratwanderung zwischen Popularität und instrumentalem Anspruch durchaus nicht gescheut haben. Auf gewagtem Gelände befinden sie sich ohnehin, denn die beiden Zupfinstrumente kommen in Mozarts Kosmos kaum vor. Das berühmteste Beispiel für ein Mandolinen-Original ist die Begleitung zu Don Giovannis berühmtem Ständchen, einige Lieder zur Mandoline („Komm liebe Zither“ KV 351 und „Die Zufriedenheit“ KV 349) sind daneben kaum bekannt. Und Kompositionen für Gitarre sind in Mozarts Werk überhaupt Fehlanzeige.

Dabei wäre es falsch, hinter solch vermeintlicher Enthaltsamkeit eine Abneigung des Meisters gegen diese Instrumente zu vermuten, zumal ihre klangliche Verwandtschaft mit Mozarts Hauptinstrument, dem Klavier jener Zeit, unverkennbar ist. Die Bezeichnung Cembalo in den Partituren der Klavierkonzerte weist auf die Ursprünge seiner Tastenpraxis hin, die mit dem virtuosen Spiel auf Konzertflügeln moderner Art noch nichts zu tun hat. Hier begegnen sich die Spezifika des durchsichtigen frühen Klavierklangs mit denen der Zupfinstrumente durchaus hautnah. 

Solche Verwandtschaft mag auch die durchaus rege Praxis zeitgenössischer Mozart-Arrangements für die letztgenannten Instrumente begünstigt haben. Lässt sich Mozarts Verhältnis zu Gitarre und Mandoline anhand der eher kargen Überlieferung in diesem Punkt kaum konstatieren, so gilt in umgekehrter Richtung das Gegenteil. Nahezu alle namhaften Gitarrenmeister des 19. Jahrhunderts wie Giuliani, Carulli, Sor, Mertz, Carcassi und andere beschäftigten sich eifrig mit der Musik Mozarts und setzten sie in vielfältigen Bearbeitungen um. Dabei profitierte diese Produktion sicher von dem günstigen Trend, dass die Gitarre, die zu Mozarts Zeit eher ein Schattendasein führte, mit Beginn des 19. Jahrhundert wieder beträchtlich an Popularität gewann. In Wien erschienen zwischen 1800 und 1830 fast 2000 Gitarrentitel – so viel, dass sich die Stadtverwaltung veranlasst sah, die Flut der beliebten Bearbeitungen zu bremsen. In einer kuriosen Auseinandersetzung mit Anton Diabelli verkündete der Magistrat zwar zunächst, „Tonsetzen“ sei „freye Kunst ohne Schranken“, doch dann verbot er für einige Zeit jegliche Bearbeitung fremder Werke, bzw. forderte das Einverständnis des Komponisten zum Arrangement.

Wie auch immer: Das Panorama an Mozart-Adaptionen jener Zeit ist durchaus üppig und reicht von der leicht spielbaren Version bis hin zum anspruchsvollen Virtuosenstück, das mit Sorgfalt die Urgestalt der betreffenden Stücke zu erhalten sucht. Eingehend und ambitioniert befasste sich etwa Fernando Sor mit diesem Thema in seiner Schule, in der er sein behutsames Verfahren bei der Bearbeitung des Originals zu belegen versucht. Beliebte Objekte der Bearbeiter sind Opernvorlagen, weniger die Instrumentalwerke des Meisters. Beliebt ist ferner das Mittel der Variation: Neben Paisiellos „Nel cor non più mi sento“ und der Tyrolienne „Wann i in der Früh aufsteh“ gehört Das Zauberflöten-Thema „Das klinget so herrlich“ zu den am häufigsten variierten Themen jener Zeit. Gerne verwendet wurden für derlei Metamorphosen auch das Menuett und „Là ci darem la mano“ aus Don Giovanni.

Dass sich genannte Beispiele nicht in der Auswahl des Duos Bagger/Tewes befinden, spricht keinesfalls gegen diese Künstler, deren gezielte, mitunter ungewöhnliche und vor allem experimentierfreudige Auswahl subtiler Bearbeitungsvorlagen vielmehr zur Strategie ihres Erfolgs gehören. Beide Virtuosen sind auch als Solisten in ihrer Sparte höchst gefragt und stürmen als Duo nicht nur mit Mozart die Charts: Auch die CDs mit den Titeln „Oh, That’s Mandolin“ und „Romantic Mandolin Moments“ liegen in der Gunst des Publikums und der Kritik ganz hoch im Kurs. „Was Bagger & Tewes hier abliefern, verdient das Prädikat: köstlich!“ So schwärmte erst kürzlich ein Kritiker von den Mozart-Delikatessen der beiden Ausnahmekünstler, die beide in führenden Positionen konzertieren, lehren und dirigieren – und im übrigen musikalisch so den Narren aneinander gefressen haben, dass ihre Zusammenarbeit immer intensiver wird. Dass jeder bei seiner Einzelkarriere mit berühmten Größen der Musikwelt kooperiert hat – Tewes mit Zappa und Abbado zum Beispiel, Bagger mit Boulez oder Eri Klas – hat ihren künstlerischen Horizont beträchtlich erweitert. Sie agieren „immer irgendwie am Puls der Zeit“: So loben Fachleute den großen thematischen Radius des Duos. „Musikalisch und technisch perfekt“, lautet ein anderes Urteil lapidar.

Was Wunder, dass auch ihre brandneue Mozart-Scheibe (erschienen in der Antes Edition bei Bella Musica unter der Bestellnummer BM 31.9217), kaum sie erschienen war, schon höchste Meriten erntete: „Mozart in den besten Händen“, heißt es bereits. Nicht übertrieben ist auch der verblüffende Vermerk gleich auf dem Cover: „world premiere recordings for mandolin and guitar“. Kaum zu glauben, aber wahr: Es sind samt und sonders Novitäten, die hier versammelt sind. Dabei haben Tewes und Bagger mit Bedacht zwar lauter beliebte Mozart-Schmankerln ausgewählt, ohne jedoch der Gefahr eines allzu gefälligen Wunschkonzerts zu erliegen. Die enorme Kompetenz der beiden Zupfer als Bearbeiter zahlt sich schon beim gewagten Auftakt des Ganzen aus: Ausgerechnet der Kopfsatz der „kleinen Nachtmusik“ klingt da mit einem Mal ganz unerhört frisch und raffiniert. Mustergültige Sensibilität adelt auch das folgende berühmte „Laudate dominum“ aus den „Vesperae solennes de Confessore“ KV 339. Hier wird der sanfte Fluss des subtil besetzten Kollektivs des Originals in einen pointiert-konzentriertes Duett der Zupfinstrumente übersetzt:
Den Gipfel der Bearbeitungskunst erklimmen Tewes und Bagger jedoch in einer kurzen Nummer, die zu den berühmt-berüchtigsten Hits der gesamten Mozart-Literatur gehört und von der wohl nicht einmal der kühnste Spekulant glauben dürfte, dass sie in einer solch intimen Auswahl zarter Arrangements erscheinen könnte: „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ singt die Königin der Nacht bekanntlich mit stählern leuchtenden Koloraturen in der „Zauberflöte“ – geronnen zum Zwiegespräch zwischen Mandoline und Gitarre verliert diese vokale Kraftschleuder nichts, aber auch gar nichts an tönender, dramatischer Energie. Das liest sich in der Version Tewes/Bagger so:
Damit ist das Duo indes mit seinem Mozart-Latein noch lange nicht am Ende. Die nächste Überraschung bildet die „Sonata facile“ KV 545, die ihre charmante Unschuld auch in dieser Fassung nicht verliert, im Gegenteil: Sie gewinnt bei Tewes und Bagger noch an verführerischem Filigran und leichter Grazie. Ähnliches gilt für ihre Schwester, die Sonate KV 331 mit den liebenswürdigen Variationen am Beginn und dem berühmten „Alla turca“ am Ende, fürwahr eine ganz eigenwillig-betörende Einladung ins orientalische Waffenlager. Das „Ave verum“ gehört wie das abschließend in der Mandolinenorchestervariante wiederholte „Laudate dominum“ in die feierlich-getragene Abteilung der CD, das „Voi, che sapete“ des erotisch fantasierenden Cherubino und die Variationen über „Ah, vous dirai-je, Maman“ zum gezupften Neuland der Mozart-Perlenkette, die durch das Adagio für Glasharmonika KV 356 und die Marcia KV 408 noch bereichert wird.

Der Clou des Ganzen: Der Mozart-Exkurs von Detlef Tewes und Boris Björn Bagger dürfte für Hörer und Spieler gleichermaßen animierend sein, getreu jener Begeisterung, die schon der alte Lautenist Hans Newsidler 1536 im Zupfer-freundlichen Nürnberg geäußert hat: „Und hab auch mein vergnügen dermassen dargethon/das ein yeder gerings verstands/der nur lesen und sein fleiß auff die verzaichneten pünctlein geben kann/von im selber/unnd on ein Meister solche kunst des Lauten leren mag“. Selbst der schnöde Bach-Zeitgenosse Johann Mattheson, der sich so gerne über die Zupfer mokierte („und wenn ein Lauteniste 80 Jahr alt wird/so hat er gewiß 60 Jahr gestimmet“), hätte wohl vor soviel spielerischem Saitenzauber und faszinierender Lust am Arrangement kapitulieren müssen. Fazit: Mozart für Mandoline und Gitarre – ein Muss für alle Freunde anspruchsvoller Zupfmusik. 

Alle Noten erhältlich hier: www.edition49.de/shop

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