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Interview in Gitarre aktuell, Juli 2005

Viel vor, viel dahinter.....

Boris Björn Bagger & Detlef Tewes

Zwei Zupfer auf Erfolgskurs

Herausragende Solisten, atemberaubende Virtuosität, große Klasse der Zupfmusik, technisch auf höchstem Niveau, Meister ihres Fachs – Wer solches Lob von allen Seiten erntet, der muss etwas Außergewöhnliches darstellen. Sie haben sich gesucht und gefunden: der Gitarrist Boris Björn Bagger und der Mandolinist Detlef Tewes. Presse und Publikum sind entzückt von Ihnen, die meisten Konzerte sind ausverkauft, ihre CDs begehrt. Ein Kritiker schwärmte: „Wer diese beiden Virtuosen noch nicht gehört hat, macht sich keine Vorstellung davon, welche intensiven Eindrücke ein so unscheinbares Instrument wie die Mandoline hinterlassen kann, besonders wenn sie von einem der größten lebenden Mandolisten gespielt und von einem der besten Konzertgitarristen der Welt so harmonisch ergänzt wird." Kein Geringerer als der Dirigent James Levine sagte über Detlef Tewes: „Ich habe noch nie einen so schönen Mandolinenklang gehört“ („I’ve never heard such a beautyful mandolin sound“). Frank Zappa war ebenfalls von dem Mandolinisten begeistert und rief aus: „Yeah, it’s incredible“. Auch den Gitarristen Boris Björn Bagger halten die Fachleute übereinstimmend für einen brillanten Solisten der Extraklasse. Lauter Superlative dieser Art gehören zur Erfolgsstory der beiden Ausnahmemusiker, mit denen Dr. hc. Ulrich Hartmann für Gitarre aktuell ein ausführliches Gespräch geführt haben. 

Wie begann Eure künstlerische Zusammenarbeit und was zeichnet sie aus?

Detlef Tewes: 1988 waren wir vom Sinfonieorchester des Südwestfunks als Solisten für „Pli selon pli“ von Boulez unter der Leitung von Michael Gielen für den Warschauer Herbst engagiert. Dabei entstand spontan die Idee, gemeinsam zu musizieren, und den ersten Auftritt hatten wir denn auch bereits zwei Tage später. Aufgrund vieler gemeinsamer Erfahrungen, etwa im Blattspiel oder im Orchester, die wir beide in unserer Karriere machen konnten, sind wir in der Lage, äußerst effektiv zu arbeiten. Wir brauchen nicht viel Probenzeit, um unser Repertoire zu erarbeiten. So können wir inspiriert konzertieren.

Boris Björn Bagger: Detlef Tewes ist einer der wenigen „Zupfer“, die sein Metier mit absoluter Professionalität betreibt. Ich schätze ihn sehr, zumal es in den langen Jahren unserer Zusammenarbeit kein Problem gegeben hat, das unlösbar gewesen wäre. Er interessiert sich für gute Musik aus jeder Stilrichtung und ist an allen Aufführungspraktiken interessiert, handelt es sich nun um eine barocke Verzierung oder eine Bluesimprovisation. Viele Ideen zum Repertoire und künstlerischer Umsetzung kommen von ihm. Seine Kollegialität und sein Umgang mit anderen Musikern ist beispielhaft, trotz seines ohnehin immensen Könnens versucht er jeden Tag, etwas dazuzulernen.


Was hat Eure musikalische Laufbahn am meisten geprägt?

Detlef Tewes: Künstler, mit denen ich zusammengearbeitet habe: 1991 kam ich mit Frank Zappa zusammen und nahm an seinem Projekt „Yellow shark“ mit dem Ensemble Modern in Los Angeles teil. Auch die erste praktische Begegnung mit der Pop Musik und improvisatorischen Elementen hat mich stark beeinflusst. Seit 1993 arbeite ich mit dem schwedischen Pianisten und Komponisten Otto Freudenthal zusammen, der Assistent von Otto Klemperer war und mich dazu anregte, mein Repertoire um Arrangements bekannter Violinliteratur, zum Beispiel Sarasates Carmen-Fantasie und Zigeunerweisen, zu erweitern.
Meine Begegnung mit dem russischen Domravirtuosen Alexander Tsygankov, mit dem ich seit 1995 Konzerte gebe, brachte mich dazu, meine Mandolinentechnik neu zu überarbeiten und dadurch im Hinblick auf Tongebung, Tonvariabilität und Virtuosität neue Perspektiven zu gewinnen. Extrem unter die Haut ging mir die Aufzeichnung von Mahlers siebter Symphonie für die Deutsche Grammophon (CD 471 623-2) mit Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern, an der ich 2002 mitwirkte.
Und überaus anregend und fruchtbar ist seit 1988 die intensive Zusammenarbeit mit Boris Björn Bagger. Mit ihm habe ich ja schon zwei CDs aufgezeichnet, außerdem zahlreiche Rundfunk- und Fernsehproduktionen gemacht und viele unvergessliche Live-Auftritte erlebt, 
darunter Projekte, die ein großes Publikum erreichen wie die Zaubernacht der Mandolinen 2004 mit über 1000 Zuhörern.

Boris Björn Bagger: Schon vor dem Studium – zum ersten Mal mit 17 Jahren - hatte ich oft Gelegenheit, als Gitarrist bei Opernaufführungen (zum Beispiel „Othello“) mitzuwirken. Der Klang des Orchesters und die Professionalität der Spieler haben mich sofort begeistert. Damals wurde mir klar, dass mir dies einmal viel Spaß machen wird. Seither habe ich über 2000 mal in den verschiedensten Orchestern mitgespielt und ein großes Repertoire an zeitgenössischer Musik erarbeitet. Dazu gehört Bergs „Wozzeck“ ebenso wie „Pli selon pli“ von und mit Pierre Boulez. Bei vielen Musicals war ich dabei, darunter Bernsteins „West Side Story“, Brooks „Anatevka“, Webbers „Evita“ und „Phantom der Oper“ und auch „Jesus Christ Superstar“. Ob Brechts „Dreigroschenoper“ oder Verdis „Falstaff“, „Der junge Lord“ von Hans Werner Henze oder „Die Soldaten“ von Strawinsky, das Klavierkonzert von Gershwin oder das Cellokonzert von Gulda, Donizettis „Don Pasquale“ oder Lepo Sumeras vierte Symphonie: Die unendliche Vielfalt der Musik hat mich von Anfang an fasziniert.

Zu Beginn des Studiums hatte ich dann die Gelegenheit, mit Martin Ostertag – Solocellist im Sinfonieorchester des Südwestrundfunks, Professor, Preisträger und ein hervorragender Kammermusiker und Solist - ein Stück für Violoncello und Gitarre aufzunehmen. In der ersten Probe sagte er zu mir: „Schau doch nicht immer auf das Griffbrett, so kann man ja keine Kammermusik machen!“. Danach habe ich zwei Jahre geübt, um nur noch auf die Noten oder den Partner zu schauen. Es war ein wertvoller Ratschlag, den ich heute noch allen meinen Studenten ans Herz lege. Auch seine intelligente Art, Musik zum Klingen zu bringen, und seine unfehlbare Stilkenntnis haben mich geprägt. Und die Vielseitigkeit, die ich von ihm gelernt habe, versuche ich ebenfalls den Studenten beizubringen.

In Deiner Biographie fällt die Vielzahl musikalischer Partner und Komponisten aus Estland auf. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Boris Björn Bagger: 1985 war ich zum ersten Mal in Estland auf Konzertreise und habe den Pianisten Kalle Randalu kennen und schätzen gelernt. Einen Tag nach unserem ersten Treffen arrangierte er eine Schallplattenaufnahme in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Die Noten zu dieser Produktion kamen per Fax aus Deutschland. Innerhalb von nur drei Stunden haben wir eine ganze LP mit Originalmusik von Carl Maria von Weber (Divertimento op. 38) und Anton Diabelli (Grande Sonate op. 102 und sechs leichte Stücke) eingespielt. Die Aufnahme war für mich ein Erlebnis: kein Ton, den Kalle Randalu spielte, musste wiederholt werden. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, noch mehr für die technische Perfektion zu arbeiten und keine gitarristischen Probleme in den Vordergrund zu stellen.

Begeistert hat mich die Begegnung mit estnischen Komponisten wie Lepo Sumera (1950 bis 2000), Jaan Rääts, Raimo Kangro (1949 bis 2001) oder Erkki-Sven Tüür und natürlich deren Musik. All diese Komponisten haben mir mehrere Werke gewidmet, die ich sehr oft aufführe, zum Beispiel Sumeras Stück „Für Boris Björn Bagger und seinen Freund“, das es inzwischen auf über zehn CDs gibt. Erkki-Sven Tüür hat Ostertag und mir sein „Spiel“ für Violoncello und Gitarre gewidmet. Raimo Kangro hat mehrere Werke für mich geschrieben, darunter ein Doppelkonzert für Violoncello, Gitarre und Orchester. Besonders stolz bin ich auf eines der Werke von Jaan Rääts, das Doppelkonzert op. 117 für Flöte, Gitarre und großes Orchester, das er Jean-Claude Gérard und mir gewidmet hat. Dieses Werk haben wir in Baden-Baden mit großem Erfolg aufgeführt. Es dauert 17 Minuten - und der Applaus bei der Uraufführung dauerte genauso lange wie das Stück. Am 30. September nehme ich dieses Werk in Estland mit dem Staatlichen Estnischen Sinfonieorchester für eine DVD-Produktion auf.

Welche Dirigenten, mit denen Du aufgetreten bist, haben Dich am meisten beeindruckt?

Boris Björn Bagger: Faszinierend war die die Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Pierre Boulez. Seine Schlagtechnik und sein Gefühl für „timing“ sind unglaublich. Auch seine korrekte Menschenführung hat mich tief beeindruckt. Dirigenten wie Kazushi Ono, Eri Klas oder Leif Segerstam gehören ebenfalls zu denen, die ich bewundere. Handwerkliches Können wird bei ihnen allen groß geschrieben. Das finde ich wichtig. Das gilt übrigens auch für meine vielen kammermusikalischen Partner wie etwa die Pianistin Fany Solter, die Sängerin Siiri Sisask, Jean-Claude Gérard und Veronika Fuchs (Flöte), Annette Struck-Vrangos (Blockflöte), den Geiger Ernö Sebestyen oder Tabea Zimmermann (Viola), um nur einige zu nennen.

Wie beeinflussen die Duopartner das eigene Spiel, was kann man von ihnen lernen?

Boris Björn Bagger: Tabea Zimmermann zum Beispiel hat noch während der Konzerte ihre Fingersätze zugunsten spielerischer Inspiration verändert. Die stupende Einübung von Fingersätzen wurde damit in Frage gestellt. Und Jean-Claude Gérard spielt in den Konzerten immer anders als in den Proben, für jede Aufführung hat er neue Ideen. Ernö Sebestyen hat seiner Meinung nach das schwierigste Werk für Violine mit mir eingespielt: 60 Variationen über Barucabà für Violine und Gitarre (World Premiere Recording, Bella Musica 1998). Trotz seiner Beschäftigung als Professor an der Musikhochschule in München und als Konzertmeister am Bayerischen Rundfunk hat er die Aufnahmen bravourös gemeistert, auch das hat mich sehr beeindruckt. Und natürlich inspiriert mich ganz besonders die Zusammenarbeit mit Detlef Tewes, der in allen Sparten der Musik zu Hause ist.
Er scheut kein Experiment, er bastelt regelrecht an seiner Technik, er probiert verschiedene Instrumente aus, auch die elektrische Mandoline, ist wie ich an Hich-Tech interessiert und für alle Arten von Musik zu begeistern - ein richtiges Allround-Genie. Er spielt mit derselben Begeisterung Schönberg oder alte Musik, Boulez oder Pop Musik. Für mich ist er also genau der richtige künstlerische Partner, und das schon seit Jahren. Wir beide haben viel dahinter und noch viel vor. Es ist eben Professionalität in allen Lebensbereichen, die mich begeistert.



Zurück nach Estland. Mit der Rocksängerin Siiri Sisask hast Du eine CD aufgenommen, die gleich die Hitlisten gestürmt hat.

Boris Björn Bagger: Das Erlebnis, mit Siiri Sisask zu musizieren, ist in der Tat phänomenal. Sie schreibt Stücke, ohne eine Note zu kennen, und kann über jedes Musikstück so improvisieren, das man schier den Atem anhalten muss. Als wir uns kennen lernten, haben wir sofort eine CD aufgenommen, die in Estland die Charts gestürmt hat. Sie ist ein bisschen flippig, trägt den Titel „1st acoustic graffiti“ und bietet Musik aller Sparten zwischen Händel und Led Zeppelin. Der Mädchenchor „Ellerhein“ hat ebenso daran mitgewirkt wie die eigens dafür gegründete „international acoustic band“. Maria Mank hat dazu Arrangements geschrieben, die selbstredend auch in unserem Verlag, der edition 49, erschienen sind.
Siiri Sisask gilt als „First Lady“ des estnischen Rock und gehört zu den populärsten Künstlerinnen in Estland. Film- und Fernsehproduktionen haben sie schon früh in ihrer Heimat bekannt gemacht. Bei ihrer ersten Aufnahme war sie zwölf Jahre alt. Inzwischen wirkte sie in acht Filmen und Serien mit. Schon immer hatte die Sängerin Lust am Komponieren, doch ihren ersten Klaviersong legte sie 1992 vor: „Ma ei maga, ma ei söö" (Ich schlafe nicht, ich esse nicht), ein Liebeslied, das 1993 zum Hit Nr.1 in Estland wurde. Von da an wurden ihre Songs für Rundfunk und Fernsehen in ihrer Heimat aufgenommen. Bislang schrieb Siiri Sisask über 30 Songs, der estnische Rundfunk produzierte davon mehr als die Hälfte.

Was sind die spannendsten Momente bei Eurer musikalischen Zusammenarbeit?

Detlef Tewes: Das gemeinsame Musizieren im Konzert. Spontane emotionale Momente kann ich direkt in die Interpretation einfließen lassen und mich dabei blind darauf verlassen, dass mein Duopartner die Idee aufnimmt und weiterführt.

Boris Björn Bagger: Jedes Konzert mit Detlef ist anders. Wir brauchen, selbst bei neuem Repertoire, die Stücke nur einmal zu spielen und die Interpretation steht, ist immer spannend. Er greift jede Idee, die ich beim Spielen habe, auch eine einfache Begleitfigur, auf und spinnt diese Idee weiter. Spannend wird es, wenn ihn die Spiellaune überkommt. Das Tempo kann dann schon mal an die Grenze des Spielbaren reichen. Er geht eben jedes Risiko ein.
Spannend waren auch die CD-Aufnahmen mit Detlef. Bisher haben wir zwei produziert: Die erste nannten wir keck „Oh, that’s mandolin“. Sie bietet Bearbeitungen und Originalwerke von Niccolò Paganini, den Csardas von Monti, Préludes von Calace, die wunderbaren Ballträume und eine Humoreske von Althoff, Greensleeves und anderes. Die zweite CD haben wir „Romantic Mandolin Moments“ genannt. Ihr Spektrum reicht von Paganinis vierter Sonate über Astor Piazolla (Tango Suite), den „Valtzer Fantastico“ und das „Capriccio Zingaresco” von Marucelli, Muniers Concerto op. 163 und Aria variata op. 281 bis zu Raimo Kangros „Alla sincerone“. Während der Aufnahmen haben wir oft unser Konzept komplett geändert und gemeinsam in die Tat umgesetzt. Das gab dem Ganzen noch zusätzlichen Pfiff.

Wie reagiert das Publikum auf Euer Repertoire?

Detlef Tewes: Den meisten unserer Zuhörerinnen und Zuhörer geht es wohl wie der amerikanischen Botschafterin in Paris, die Anfang Mai 2005, bei unserem Konzert in der Botschaft, regelrecht geschwärmt hat. Sie schrieb sinngemäß: Herr Bagger und Herr Tewes machten geradezu köstliche Musik. Mandoline und Gitarre glichen menschlichen Stimmen, die eine ganze Bandbreite an Gefühlen Ausdruck gaben. Es war eine zauberhafte Kombination und ein überzeugendes Repertoire. Bravo. („Mr. Bagger and Mr. Tewes made sweet music and more. The mandolin and guitar Duo became human voices representing a range of emotion. It was a magical combination and an appealing repertoire. Bravo.”) 

Boris Björn Bagger: Es scheint wirklich so, dass Publikum und Veranstalter von uns begeistert sind. Überall wo wir spielen, werden wir in der Regel erneut eingeladen.
Auch die Presse ist voll des Lobes für uns. Ein Kritiker schrieb: „Tewes und Bagger legen eine Leidenschaft an den Tag, die eine hundertprozentige Identifikation mit ihrer Musik offenbart. Als Dirigent ist Bagger meisterhaft, als Gitarrist allerdings nicht minder famos.
Hier musizieren schon seit vielen Jahren und mit größte Spielfreude zwei absolute Meister ihres Fachs, die bestens harmonieren.“ Solche Urteile geben uns natürlich einen großen Auftrieb.

Was ist Euer Erfolgsrezept?

Detlef Tewes: Ich glaube, wir können das auf eine einfache Formel bringen: Ehrliche Interpretation mit vollem Engagement, die direkt das Herz des Publikums anspricht...

Boris Björn Bagger: Bei jedem Konzert alles geben und jede Aufführung ernst nehmen – so lautet unsere Devise. Wir bereiten jeden Auftritt so vor, als würden wir Live im Fernsehen spielen. Etwas „Zirkus“ gehört bei jedem Konzert dazu, wie unsere Mitschnitte zeigen. Von jedem Auftritt könnte man eine DVD herstellen. Viele Mitschnitte kann man auf unseren homepages sehen und hören. Wir versuchen auch die Technik entsprechend einzusetzen. 2004 spielten wir zum Beispiel zwei mal vor 4000 Zuhörern auf der größten Freilichtbühne in Deutschland (Ötigheim), das wäre nicht möglich gewesen ohne die entsprechende Verstärkung und die Lichteffekte, mit denen wir unseren Auftritt in Szene setzen. Dieser Abend war wegen der guten Vorbereitungen ein Riesenerfolg.

Welche Originalliteratur gibt es für Eure Besetzung?

Detlef Tewes: Musik für die Besetzung Mandoline und Gitarre gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert. Von italienischer Salonmusik mit Komponisten wie Monti, Munier und Marucelli bis zu Moderner Musik.

Boris Björn Bagger: Und es gibt natürlich eine Menge Literatur, die eigens für uns geschrieben wurde, zum Beispiel Werke von Lepo Sumera, Raimo Kangro, Urmas Sisask und vielen anderen. All dies ist übrigens zu finden auf unseren homepages oder auf der Internetseite www.edition49.de/shop.

Wie sieht es aus mit Arrangements und welcher Art an Bearbeitungen zieht Ihr vor?

Detlef Tewes: Aufgrund des sehr überschaubaren Repertoires für unsere Besetzung bietet es sich an auf Bearbeitungen zurückzugreifen, um musikalisch ansprechende Konzertprogramme zusammenzustellen. Wir verwenden Arrangements von virtuoser klassischer Literatur z. B. Paganini bis hin zu argentinischen Tangos von Piazzolla.

Boris Björn Bagger: Wir probieren viel aus. Noten, die wir getestet haben, stapeln sich inzwischen fast schon tonnenweise bei uns. Nach langem Ausprobieren entscheiden wir, was wir in unser Konzertrepertoire aufnehmen. Immerhin wollen wir die Konzertbesucher mit einer ungewöhnlichen Besetzung begeistern. Da hat es ein Streichquartett leichter. Deshalb lassen wir uns in der Regel sehr viel Zeit für Proben und arbeiten sehr viel an neuen Techniken und mit neuen Techniken. Die Konzertprogramme müssen uns und dem Publikum Spaß machen und so gestaltet sein, dass jeder etwas „mit nach Hause“ nehmen kann.


Wie viele Werke habt Ihr bereits in Auftrag gegeben?

Detlef Tewes: Genaue Zahlen kann ich leider nicht nennen, es werden um die 50 Kompositionen sein. Zu unseren Auftragskompositionen gehören viele Werke renommierter estnischer Komponisten wie z. B. Sumera, Sisask, Rääts, Kangro, Preema.

Boris Björn Bagger: Wir haben zwar einige Werke in Auftrag gegeben, aber der Großteil wurde für uns geschrieben, nach dem uns Komponisten in Konzerten gehört oder unsere CDs aufgelegt haben. So entstand unter anderem ein interessantes Variationswerk über den berühmten Song „House of the rising sun“ des weltweit erfolgreichen Stuttgarter Komponisten Peter Schindler, mit dem wir eine Produktion planen. Mit ihm werden wir für den koreanischen Markt eine CD mit Musik aus Korea einspielen, wo Schindler schon mehrere Hits gelandet hat.


Welche CD-Projekte habt Ihr in Arbeit?

Detlef Tewes: Zur Zeit arbeiten wir an einer Mozart-CD und an einer CD mit Pop Musik.

Boris Björn Bagger: Eine der renommiertesten klassischen CD-Labels (den Namen möchten wir noch nicht verraten) will mit uns eine Mozart CD für das Mozart Jahr 2006 herausbringen. Außerdem möchte ein bekanntes Pop-Label mit uns eine Pop CD produzieren. Diese Produktion wird uns sehr viel Energie kosten – aber wohl sehr viel Spaß machen. Wir beide sind Freunde guter Pop-Musik und denken, dass es in dieser Branche viele gute Komponisten gibt. Zu unseren Favoriten gehören die unterschiedlichsten Bands und Interpreten wie Metallica, John Denver, ABBA, Sepultura, Jim Croce und so weiter - die Liste ließe sich sehr lange weiterführen.

Was muss man tun, um im Zeitalter medialer Überschwemmungen sein Publikum bei der Stange zu halten?

Detlef Tewes: Zur Präsenz gehört heute ein guter Internetauftritt mit Video und Musik Downloads.

Boris Björn Bagger: Man muss das Publikum mit dem Spiel begeistern und auch neue Formen der Konzertdarbietung ausprobieren, und sei es mit einer Nebelmaschine. Ich denke, dass es mit althergebrachten Konzertritualen bald vorbei ist. Ein Konzert ist ein „Event“ - das wusste übrigens auch schon Paganini, als er die Pariser Oper schwarz auskleiden ließ und nur beim Schein einer Kerze gespielt hat. Oder Franz Liszt - auch er war ein perfekter Entertainer, das belegen unter anderem viele Karikaturen. Der Qualität der Musik tut das ja keinen Abbruch.

Was ist Euer künstlerisches Credo?

Detlef Tewes: Musiker sein bedeutet für mich, das Privileg zu haben, bei internationalen Konzertreisen die unterschiedliche Mentalität der Menschen kennen zu lernen und die Erfahrungen in mein Leben einfließen zu lassen, von der russischen Seele bis hin zu australischer Offenheit.

Boris Björn Bagger: Musik zu machen ist eine ständige Herausforderung. Man muss lange an einer Interpretation feilen, um sie zum Erlebnis zu machen. Als ich vor Jahren zum ersten Mal die Monteverdi-Opern mit Harnoncourt gehört habe, musste ich meine ganze Auffassung der barocken Spielweise überdenken. Es war ein tolles Erlebnis, Barockmusik so farbenreich und mit völlig neuen Tempi zu hören. Als ich im Staatstheater Karlsruhe bei den ersten Händeltagen mitgespielt habe, wurden die Continuoparts noch auf dem Klavier gespielt! Das Cembalo galt noch als ein absonderliches Instrument. Aber auch die Sounds der Musicalproduktionen bedeuten eine neue Art der Musikdarbietung und Interpretation. Da kann man auch jeden Tag Neues für sich entdecken. Man ist als Musiker ständig auf Entdeckungsfahrt. Das tägliche Hinzulernen ist wichtig für jeden Musiker (das gilt natürlich auch für andere Berufe). Bei alledem ist Vielseitigkeit Trumpf. Deshalb widme ich mich der Musikpraxis nicht nur als Gitarrist, sondern auch als Dirigent (unter anderem des Mandolinenorchesters Ettlingen, das bei Presse und Publikum großen Anklang findet), als Dozent (seit 1990 leite ich eine internationale Gitarrenklasse an der Karlsruher Musikhochschule), Arrangeur (rund 100 stammen aus meiner Feder), Komponist (zum Beispiel des Songs „Take it easy“ für „1st acoustic graffiti) und Produzent: Meine CD „Winter Classics“ wurde über 50 000 Mal verkauft!


Was würdet Ihr jungen Talenten raten, die wissen wollen, was Solisten oder Duos zum Erfolg führt?

Detlef Tewes: Grundvoraussetzung ist genügend Talent, damit man nicht zehn Stunden am Tag üben muss, Fleiß, Fleiß und nochmals Fleiß und Durchsetzungswillen.

Boris Björn Bagger: Zuerst einmal Handwerk. Dazu gehört jede Menge Erfahrung in vielen Konzerten. Jeder Gitarrist sollte versuchen, in Ensembles aller Art mitzuspielen, dort erwirbt man sich das nötige Rüstzeug. Jede Art von Kammermusik sollte ausprobiert werden. Die Gitarrenliteratur hat vieles zu bieten. Es bringt einen weiter, wenn man jeden auch noch so kleinen Auftritt wichtig nimmt und möglichst viel spielt: Jedes Konzert, egal in welchem Rahmen, bringt neue Erfahrungen. Jeder Spieler sollte versuchen, seine persönliche Note zu finden, den Notentext erst genau zu studieren und nicht einfach andere Interpretationen nachzuahmen, sondern aus dem originalen Notentext heraus etwas selbst zu entwickeln. Es gibt leider viele Musiker, die ohne genaues Studium des Notentextes einfach Interpretationen von Anderen übernehmen. Ständige Lernbereitschaft gehört zu den Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere, und der würde Überheblichkeit nur im Wege stehen - man kann von jedem guten Musiker oder Dirigenten etwas lernen. Literaturkenntnis ist unabdingbar, um interessante Programme zu gestalten. Und man sollte den Mut haben, ausgetretene Pfade zu verlassen – dazu gibt es lohnende Gitarrenliteratur zuhauf.

Die edition 49 bringt eine umfangreiche Mandolinenreihe heraus. Was gab dazu den Anstoß?

Detlef Tewes: Ich bin der edition 49 sehr dankbar, dass sie mir eine Plattform gegeben hat, eine umfangreiche Mandolinenreihe zu gestalten mit zur Zeit rund 150 Werken, darunter Kammermusik mit Mandoline, z. B. die Mandolinen-Werke Beethovens, und viele meiner Bearbeitungen für Zupforchester. Dadurch kann ich die Mandolinenliteratur um musikalisch und technisch anspruchsvolle Werke erweitern. Für meine Tätigkeit als Dirigent von Zupforchestern habe ich so die Möglichkeit, Bearbeitungen musikalisch interessanter Werke direkt umzusetzen.

Boris Björn Bagger: Bei einer Aufnahme von Musik für Gitarre und Klavier mit Kalle Randalu spielten wir unter anderem das Divertimento op. 38 von Carl Maria von Weber ein. Wir hatten eine Ausgabe, für die der Herausgeber willkürlich Noten verändert hatte. Das hat uns sehr geärgert, da die Veränderungen das Werk ziemlich entstellt haben. Mein Musikwissenschaftsstudium hat mich dazu gebracht, immer erst die Originalquellen zu sichten und erst dann ein Werk zu spielen. Es gibt viele Ausgaben, die, zumeist nicht zum Vorteil der Musik, vom Herausgeber verändert werden. Zum Thema Transkriptionen: Die Bearbeitung eines Werkes sollte immer darauf abzielen, der Komposition ein neues und interessantes Bild abzugewinnen. Am besten geht man dabei sehr behutsam, aber auch mit viel Fantasie vor, wobei es natürlich wichtig ist, an die spezifischen Eigenarten eines Instruments zu denken. Eine Transkription ist dann gelungen, wenn der Zuhörer davon überzeugt ist, dass ein Stück nicht an Gehalt und Farbigkeit verloren, sondern neue Reize hinzugewonnen hat. Dadurch eröffnet die Bearbeitung ebenso neue wie interessante Dimensionen. Bisher habe ich bereits über 250 Werke an Gitarrenmusik herausgegeben. Die Arbeit eines Verlegers ist ausgesprochen spannend. Ein Vorbild war mir der Gitarrist, Pianist und Herausgeber Anton Diabelli, weil er alle seine Tätigkeiten bewundernswert unter einen Hut gebracht hat. Übrigens: Unser Verlag, die edition 49, war weltweit der erste Musikverlag mit Internetpräsenz. Darauf sind wir natürlich sehr stolz. Die edition 49 verlegt bisher fast nur Werke der sogenannten E-Musik, und wir sind froh, dass wir damit schon seit 13 Jahren Erfolg haben. Wir können mit Fug und Recht behaupten, dass wir weltweit der größte Verlag für Musik aus Estland sind - das ist ein Schwerpunkt des Verlages - und dass wir das gesamte Werk von Detlef Tewes betreuen. Dabei wirkt sich die Verlagsarbeit auch sehr produktiv auf unsere Konzertpraxis aus.

Welche Instrumente spielt Ihr und, welche Ratschläge würdet Ihr Spielern geben?

Detlef Tewes: Ich spiele eine Manfred Bräuer Mandoline für klassische Werke. Die Mandola wurde von meinem Vater gebaut – sie ist sehr gut. Bei großen Auftritten musiziere ich auf einer Fender Mandoline. Ich benutze Thomastik Saiten, die hohe e-Saite ist von Hannabach. Jeder Spieler sollte sich sein Instrument suchen, denn jeder spielt anders und braucht ein Instrument, auf dem er sich wohlfühlt. Es gibt kein Universalinstrument für alle.

Boris Björn Bagger: Ich spiele zurzeit eine Alejandro in klassischen Konzerten, für Continuoaufgaben nehme ich gerne eine zwölfsaitigen Gitarre, in speziellen Fällen greife ich zu einer Taylor-Steel String. Gitarrenparts mit großem Orchester spiele ich auf einem Instrument von Sanchis mit drahtlos Übertragung, für Musicals benutze ich oft Ovation. Für jede Art von Musik befindet sich also eine spezielle Gitarre in meinem Reservoir. Die Saiten sind von Hannabach. Auch ich rate jedem Studenten, sich nicht auf Trends einzulassen, sondern seinem eigenen Gehör zu vertrauen. Jeder Gitarrist hat andere Fingernägel, eine andere Handstellung - da muss man bei der Wahl des Instruments eine kluge Entscheidung treffen.

Welche Konzertpläne habt Ihr als Duo?

Beide: Wir planen Konzertreisen nach Japan, China und Korea, in die USA und nach Kanada.

(Das Gespräch führte Dr. h.c. Ulrich Hartmann, Badische Neueste Nachrichten, Karlsruhe)

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